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ALLES LÜGE – Kommunikation in Zeiten von Fake News

Ein Jahr Trump: Politik als Provokation und eine eigene Wahrheit als Mittel zum Zweck!                              

Doch Lügen kursieren im Netz nicht erst seit Donald Trump US-Präsident ist. Ein Mann wie er kann nicht allein die Menschheit verblöden. Seine Lügen brauchen Medien, Multiplikatoren und Kommunikatoren  um zu voller Entfaltung zu kommen. Ist die Lüge also schuld an der bevorstehenden Apokalypse? Wir müssen Sie enttäuschen: Der Weltuntergang ist ein Hype! Die Lüge aber, die gibt es wirklich. Deshalb erklären wir, die Hirschen, der Lüge den Krieg. Unsere Wahl der Waffen: Gegen den Verlust an Glaubwürdigkeit sollten wir in unserer Branche auf Vertrauen setzten. Wir glauben an Schönheit, Tugend und Ethik.
Und wir rufen ein neues Zeitalter aus. Unser Serum gegen die Lüge heißt: RADIKALE RELEVANZ!

Zum goldenen Hirschen sagt daher: Bekämpft die Unwahrheit mit der Wahrheit!

Richtig lügen!

„Morgen kommt der Weihnachtsmann“ – Die Mutter einer drei -jährigen Tochter, einen Tag vor Heiligabend.

„Das war die größte Menschenmenge, die jemals der Vereidigung eines US-Präsidenten beigewohnt hat“ – Sean Spicer, Pressesprecher des Weißen Hauses, einen Tag nach der Amtseinführung von Donald Trump.

Beides voll gelogen. Mit Absicht. Aber mit einem extremen Unterschied: dem zwischen Märchenstunde und Massenmanipulation, zwischen Verantwortung und Verantwortungslosigkeit.

Das Internet ist voller Lügen. Nicht erst, seit Donald Trump US-Präsident ist. „Wir stehen am Anfang eines neuen Zeitalters“, hat Jakob Augstein in einer Kolumne des Spiegels vor einem Jahr geschrieben, als der Oligarch zum mächtigsten Mann der Welt vereidigt wurde. Trump, schrieb Augstein, werde die Lüge zur neuen Weltordnung machen.

DOCH AUGSTEIN IRRT  

Lug, Trug, Illusion

Sie sind Teil unserer Existenz. Schon immer.  

Doch wieso lügt der Mensch?

Er setzt die Lüge ein, um sich zu schützen oder seine Scham zu kaschieren. In Politik und Wirtschaft ist es oft die Gier nach Macht, die Lüge erst ermöglicht. Ohne den Hunger nach Macht hätte der Mensch kaum Interesse an der Lüge. Erst der Machtimpuls öffnet der Lüge die Tür. Die Lüge nämlich enthält Tücke und Hinterlist, ohne die die Macht ein hohles Streben bliebe.

Ohne die Lüge ist die Macht aufgeschmissen!

Nehmen wir die katholische Kirche. Ihre Macht basiert auf einer der Großlügen unserer Zeit. Grundlage ihrer weltlichen Herrschaft war die Konstantinische Schenkung: In einer gefakten Urkunde, angeblich in den Jahren 315/317 vom römischen Kaiser Konstantin I. ausgestellt, wurde der Kirche die Oberherrschaft über Rom, Italien und die Westhälfte des Römischen Reichs übertragen. Päpste stürzten daraufhin Könige und schufen Staaten.

Oder Niccoló Machiavelli. Er galt als Meister der Manipulation. In seinem Buch „Der Fürst“ (um 1513 verfasst) legte Machiavelli so etwas wie ein prototypisches Regelwerk für das Ausüben von Macht vor, indem er Lüge und Brutalität als politisches Instrument befürwortete. In gewisser Weise ist der Florentiner Philosoph und Diplomat der Erfinder von politischen Fake News.

Doch wollen wir den Belogenen hier nicht schützen. Er ist nicht nur Opfer des Lügners: Wer der Lüge leichtfertig glaubt, macht sich zu ihrem Spielball – der Belogene, passiv und naiv, will nicht sehen, verstehen, nachdenken, kritisieren und sich selbst in Frage stellen. Wer sich der Lüge willenlos hingibt wie der Belogene, ist auf dem Weg zur Verblödung.

Zurück zu Trump.

Ein Mann wie er kann nicht allein die Menschheit verblöden. Um seine Brut der gefährlichen Verblödung weiterzutragen, braucht er Medien, Multiplikatoren und Kommunikatoren. Seine Lügen brauchen uns, um zu vollen Entfaltung zu kommen.

Ist die Lüge also schuld an der bevorstehenden Apokalypse?

Wir müssen euch enttäuschen: Der Weltuntergang ist ein Hype. Die Lüge aber,  die gibt es wirklich. Deshalb erklären wir, die Hirschen, der Lüge den Krieg. Unsere Wahl der Waffen:
Gegen den Verlust an Glaubwürdigkeit setzen wir das Vertrauen.
Wir glauben auch Schönheit, Tugend und Ethik.

Und wir rufen ein neues Zeitalter aus.

Unser Serum gegen die Lüge heisst:
Radikale Relevanz! 

Am Anfang war das Wort...

Propaganda, Aprilscherze, Fälschungen.

Eine Ahnengalerie berühmter Lügen der letzten 2000 Jahre:

315/317

Die Macht der Päpste basiert auf einer der Großlügen unserer Zeit. Grundlage ihrer weltlichen Herrschaft war die Konstantinische Schenkung: In einer gefälschten Urkunde übertr.gt der römische Kaiser Konstantin I. der Kirche die Oberherrschaft über Rom, Italien und die Westhälfte des Römischen Reichs.

1614

Die Sonne ist das Zentrum des Universums, nicht die Erde, findet der Wissenschaftler Galileo Galilei heraus. Weil er mit dieser Erkenntnis das Glaubensgefüge der Kirche in Frage stellt, macht sie Galilei zum Verbrecher. Die Kirche behauptet, die Erde sei das göttliche Zentrum des Universums.

1903

Unbekannte Autoren erstellen auf Grundlage fiktionaler Texte ein antisemitisches Pamphlet. Die Protokolle der Weisen von Zion geben vor, geheime Dokumente eines Treffens von jüdischen Weltverschwörern zu sein. Obwohl sich das schnell als Irrglaube herausstellt, nährt das Dokument bis heute den Antisemitismus und den Hass auf Juden.     

1938

INSZENIERTE LÜGE: Am 30. Oktober überträgt der US-Radiosender CBS ein Orchesterkonzert live aus dem New Yorker Park Plaza. Plötzlich unterbricht ein Sprecher die Sendung für eine wichtige Meldung, weil amerikanische Astronomen angeblich blaue Blitze auf der Oberfläche des Mars beobachtet hätten. Die Sendung wird zunächst fortgesetzt. Dann folgt die nächste Unterbrechung: Mittlerweile sei ein Meteorit in der Nähe New Jerseys heruntergekommen, eine Reporterstimme beschreibt die Verwüstungen. Die Mutter aller Medien-Enten löst eine Massenpanik aus, darunter liefen auch Menschen auf die Straße, die hinter der Naturkatastrophe einen getarnten Angriff Nazideutschlands vermuteten.

1939

Polen hat Deutschland angegriffen. Hitler schafft sich ein Motiv, um seinen Blitzkrieg zu legitimieren.

1983

AUF LÜGE REINGEFALLEN: Der bekannteste Hoax der deutschen Mediengeschichte ereignete sich vor 35 Jahren im Hamburger Verlagshaus Gruner & Jahr. Ende April 1983 präsentierte das Magazin Stern auf einer Pressekonferenz die verloren geglaubten Tagebücher von Adolf Hitler. Die Geschichte des Dritten Reichs, so heißt es aus der Chefredaktion, müsse neu geschrieben werden. Die Superstory entpuppt sich als Ente.

1998

APRILLÜGE: Am 31. März gibt Burger King eine Weltneuheit bekannt: Marketingdirektor Jim Atkins erklärt, man wolle den Ansprüchen der über 32 Millionen linkshändigen Amerikaner genügen. Der „Left-handed Whopper“ enthalte die gewohnten Zutaten, würde aber durch eine spezielle, um 180 Grad verdrehte Belegung der Brötchenhälften den Esskomfort für Linkshänder erheblich steigern. Gurken, Zwiebeln, Salat, Ketchup und Mayo seien jetzt so ausbalanciert, dass beim Reinbeißen nicht mehr alles auf der falschen, sondern auf der richtigen Seite herausfällt. Einen Tag später klärt Burger King den Aprilscherz auf: Die Pressemitteilung lässt aber auch wissen, dass schon Tausende Burger-King-Kunden den Whopper für Linkshänder bestellt hätten. Vereinzelt soll auch unter Rechtshändern die Forderung nach einem eigenen Whopper aufgekommen sein.

2003

US-Außenminister Colin Powell liefert vor der UNO in einer Präsentation den Vorwand dafür, Diktator Saddam Hussein aus dem Amt zu bomben. Saddam – keine Frage: ein Schreckensherrscher – wird nicht nur für die Angriffe von 9/11 verantwortlich gemacht, er sei zudem in Besitz von Bio- und Chemiewaffen, so Powell. Beides kann später nicht bewiesen werden. Powells Lügen aber lösen die bis heute andauernden Kriege der USA und ihrer Alliierten im Irak und in Afghanistan aus.

2008

OPTIMIERTE RAKETEN: Auch Manipulateure im Iran kennen Photoshop. Die Propagandaabteilung der Regierung brachte damals Bilder in Umlauf, bei denen selbst Kommunikationsprofis genau hinschauen mussten, um die Manipulationen zu entdecken: Die iranische Propagandaabteilung Sepah News sendete zwei Bilder derselben militärischen Operation um die Welt. Doch während die Rakete auf dem einen Bild zündet, krepiert sie auf dem anderen. Wie kann das sein? Dem Londoner Verteidigungsexperten Mark Fitzpatrick vom Internationalen Institut für Strategische Studien (IISS) fiel die Sache damals auf. Offenbar wollten die Revolutionsgarden mit der hinzugefügten vierten Rakete eine Fehlzündung vertuschen.

2017

HAUS IN VERKEHRSGÜNSTIGER LAGE ... Um Immobilieninserate zu verstehen, benötigen Interessenten inzwischen oft einen Workshop in Maklersprech: „Haus in verkehrsgünstiger Lage zu Toppreis“ bedeutet hier, lassen Sie lieber die Finger davon, das Haus liegt an der Ausfahrt zur Hölle – an einer stark befahrenen Straße, nahe einer Autobahn.

Am Ende die Lüge...

Irgendjemand sagt hier nicht ganz die Wahrheit

Oft steckt die Lüge im Detail, in einem Halbsatz, einem Wort, manchmal auch im Ton, der angeschlagen wird. Sprache verrät viel über das Denken eines Menschen, darüber, ob, was er sagt, wahr oder gelogen ist. Gedanken über unsere Sprache und was sie darüber verrät, ob wir lügen oder die Wahrheit sagen.

Neeeeeeiiiiin?
Warum?
Wieso ausgerechnet er?
Hatte er Depressionen?
War es Selbstmord?
Doch Drogen?
Gibt es als Fan ein Leben nach
Malcolm Young?
Wird aus der Rock-’n’-Roll-Band nun eine Zirkusnummer?
Warum wusste ich nie, dass er der
Bruder von Angus Young war?
Klick,
Klick,
Klick.
R. I. P.,
R. I. P.,
R. I. P.

WAS IST ECHT AN DER ANTEILNAHME? WAS UNECHT?
KANN DAS WAHRE EXISTIEREN; WENN ES VON DER LÜGE UMGEBEN IST? 

Wenn das Medium tatsächlich die Botschaft ist, wie Marshall McLuhan behauptet hat, dann ist in diesem Fall nicht der Inhalt die Lüge, sondern das Gefäß – nicht die künstliche Anteilnahme, sondern Facebook selbst. Der Bullshit, den wir durch das Medium übermitteln, wirkt als Augenpulver, er vernebelt die Sicht auf die Dinge, sagt aber viel über denjenigen aus, der so redet, ähnlich wie die Sprache in Firmenmeetings viel darüber aussagt, wie es im Innern eines Unternehmens ausschaut.
Da wird „gemeetet“, „im Loop gehalten“, „gekickofft“, „gebrainstormt“, „eine Challenge ausgerufen“ und „zeitnah commitet“. Der Bullshitsprech, das ist die Wahrheit, hat in der PR, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit vieler Unternehmen den totalen Sieg errungen. Dabei möchte man jedem einzelnen Blender, der zu diesem gigantischen Orchester aus Hype, Fake und Nonsens beiträgt, zurufen:

SEI ENDLICH STILL!
SEI WIEDER DU SELBST.
SEI ECHT.
SEI MUTIG.
SEI R. E. L. E. V. A. N. T.

Was aus all dem folgt?

 

Schweig, wenn du nichts zu sagen hast, und rede erst wieder, wenn du eine Botschaft hast, die von Interesse ist. So wie die Menschen hier unten (auch wenn sie die Sache mit der Lüge nicht immer sehen wie wir):

„Scheiß auf Fake News, was mich wirklich fertigmacht, sind Fake-Statistiken."
(Simon Dumenco, Kolumnist der Advertising Age, aus: Advertising Age)

„Im Rest der Welt gilt bei einem Monopol: Wenn es aussieht und stinkt wie ein Wolf, ist es ein Wolf. Nur in Deutschland ist es ein Häschen.“
(Michael O’Leary, Chef von Ryanair, über staatlich verbreitete Lügen zur Pleite von Air Berlin und Übernahme durch die Lufthansa)

„User brauchen mehr Medienkompetenz, so sind Fake News und Betrugsfälle zu durchschauen.“
(Andre Wolf von Mimikama, einem Verein, der gegen Betrug im Internet kämpft)

„Es ist die Lüge, die uns wärmt.“
(Wolf Schneider, Journalist, Sprachkritiker und Buchautor)

„Die Wahrheit zu sagen, ist für PR-Leute ein Problem der Tiefe und der Zeit.“
(Horst Avenarius, Ehrenvorsitzender Deutscher Rat für Public Relations)

„Es gibt diesen Malus, der uns möglicherweise noch Jahre begleiten wird. Aber das Produktverspreche ist intakt. Unsere Aufgabe ist es, die Reputation wieder herzustellen.“
(Hans-Gerd Bode, PR-Chef von Volkswagen, im Herbst 2015)

„Es gibt eine Erwartung an die Medien, die wir nicht immer einhalten können. Ich lese immer wieder in Mails, wir berichteten nicht neutral oder würden ‚die Wahrheit‘ verschweigen – die gibt es aber nicht.“
(Anja Reschke, Journalistin, aus: New D, Das Magazin für digitalen Wandel)

„Machtlos ist man nie, man (...) kann zum Beispiel systematisch kommunizieren.“
(Jörg Eigendorf, Kommunikationschef der Deutschen Bank, über die Kommunikation in Zeiten der Glaubwürdig)

„Wir schauen genau, wo etwas herkommt, in Zeiten von Bots und Fake News sind wir misstrauischer geworden, überlegen genau, welche Medien bei uns anfragen, ob wir sie kennen, wie wir antworten müssen, ob die Anfrage authentisch ist. Wir machen auch, anders als früher, viel Hintergrundrecherche. Aber trotzdem: Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es auch heute nicht.“ (
(Jörg Howe, PR-Chef von Daimler)

„Nichts schafft mehr Arbeitsplätze als die Lüge.“
(Wolf Lotter, Autor und Journalist, Brandeins)

„Mist bleibt immer Mist.“
(Tom Buschardt, Medienberater und Experte für Krisenkommunikation, über Beschönigungsversuche in Zeiten der Krise)

„Vertrauen ist die härteste Währung.“
(Vanessa Göbel, Redaktion von New Business, aus: New Business 5.17, Seite 3)

Wer die Wahrheit spricht, braucht ein schnelles Pferd.“
Chinesisches Sprichwort

„Wenn du Unwahrheit erkennst, sag etwas.“
(Unbekannt)

„99 Prozent des Contents auf unserer Plattform sind authentisch.“
(Mark Zuckerberg, CEO Facebook)

„Stellt die Glaubwürdigkeit wieder her!“
(Lindsay Stein, Essayistin der Advertising Age, aus: Advertising Age)

Quellen: Wirtschaftswoche, PR-Report, Pressesprecher, stefan-niggemeier.de, Advertising Age, Spiegel Wissen, New Business, New D, Brandeins, Enorm.

Sag die Wahrheit

Manifest der Wahrheit  

1. Vorweg: Die Apokalypse steht nicht bevor.

2. Aber: Verschönern, verkleiden, verpacken gehört zum Geschäft. Lügen nicht! 

3. Kunden und Käufer sind kein Vieh. Sie sind Menschen. Sie wollen nicht belogen werden.

4. Hör auf zu tricksen und Kunden zu verarschen. So kannst du ehrlich über deine Produkte kommunizieren. 

5. Schon mal gehört? Es geht um Vertrauen, Echtheit, Transparenz. Kurz: Es geht um Ethik.

6. Wenn du mit anderen gleichzeitig auf Ethik scheisst, dann hast du ein Problem. 

7. Deshalb schweig, wenn dir die Lüge auf der Zunge liegt. Kommuniziere, wenn du für Wahrhaftigkeit stehst. 

8. Kursiert eine Lüge über dich, bekämpfe sie mit der Wahrheit. Und zwar schnell, bevor die Lüge Beine bekommt. 

9. Und: Sei kein Opfer: Bleib wachsam und stell dich auf misstrauische Verbraucher ein. 

10. Denk immer daran, ein Wahrheitsgebäude zerfällt nie, ein Lügengebäude schon.

Die Zeit der Blender ist vorbei

Eine Kolumne von Axel Zimny, 48, Geschäftsführer Kreation Zum goldenen Hirschen Dammtor

Marken, Oberflächen und Glaubwürdigkeiten in Zeiten der Lüge. 

Es genügt nicht mehr, die Hülle einer Marke hochzupolieren, wenn der Kern fault. In Zeiten von Fake News und sogenannten Alternativen Fakten steigt die Relevanz dessen, was man sagt. Auch in der Unternehmenskommunikation.

Potentiell gibt es in der langen Kette von Teilnehmern, die an der Kommunikation von Unternehmen beteiligt sind, viele, die lügen können: Das Unternehmen lügt. Die Marke lügt. Der Chef lügt. Das Produkt lügt. Die Kommunikation lügt. Je mehr Glieder in einer solchen Kette lügen, umso schwieriger ist Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, wenn Vertrauen verloren gegangen ist.

Nehmen wir den VW-Skandal. Es klingt floskelhaft, aber es ist augenscheinlich: Lügen rentiert sich nicht. Um die Glaubwürdigkeit dieser Marke wiederherzustellen, genügen jetzt keine einfachen Wow-Momente mehr. Jetzt zählt über lange Zeit nur noch Stringenz und Weiterentwicklung. Der Wunsch des Konsumenten muss nicht nur hier wieder in den Mittelpunkt gerückt werden. Oder die FIFA. Auch hier genügt „Sorry“ schon lange nicht mehr. Vielmehr müssen nun über lange Zeit Wiedergutmachungssignale entsendet werden, gekoppelt mit Maßnahmen, die zeigen, dass man das Ruder wirklich um 180 Grad herumreißen will.

Was die beiden Beispiele zeigen? In den nächsten Jahren könnten immer mehr Lügengebilde in Wirtschaft und Kommunikationsbranche zusammenbrechen und abgestraft werden. Mit Worten allein wird man dann nicht weit kommen. Mehr denn je wird es um Glaubwürdigkeit gehen. Deshalb sage ich: Nicht das Zeitalter der Lüge ist angebrochen. Das Zeitalter des Gegenentwurfs zur Lüge – das steht uns bevor.

Werbung, das sind keine bunten Bildchen, die man gezwungenermaßen braucht; Social Media, das ist nicht das belanglose Dauerrauschen, das man irgendwie mitbespielen muss – wer so denkt, vergisst, dass er es mit echten Menschen dort draußen zu tun hat. Was in Zukunft zählt, sind die Gefühle, die Menschen haben. Die sind kein Fake, sie sind echt. Man muss sie ernst nehmen. Worum es in Zukunft in der Kreation geht, ist Verlässlichkeit auf einen Kern; Beständigkeit im Handeln; Synchronisation von Kommunikation, Verhalten und Produkten; Konzentration aufs Wesentliche.

Es geht also um: Radikale Relevanz!

Die Verkaufzahlen folgen dann von selbst.

Schafft keine Fake Truth, schafft Real Truth!

Jens Kurznack, 45, Managing Director Zum roten Hirschen über

Markenstrategien in komplizierten Zeiten. 

1. Ob man es mag oder nicht: Als erstes Staatsoberhaupt überhaupt hat Donald Trump mit Twitter seinen eigenen, individuellen Medienkanal eröffnet. Wer wie er direkt über seine Anliegen berichtet, schafft eine Nähe zum Rezipienten. Das SCHAFFT NÄHE.

2. Anders als die Pessimisten sage ich aber, DIE APOKALYPSE STEHT NICHT BEVOR. Im Gegenteil: Die großen Menschheitsthemen – Hunger, Krankheit und Krieg – sind zurückgedrängt. Der Menschheit geht es besser denn je zuvor.

3. Es ist für Trump mit seinen fünf Kernthesen leichter, ein Massenpublikum zu erreichen, als für uns Werber: Ob wir für Zahnbürsten, Windeln oder Fernseher werben, wir stehen vor der Herausforderung, mit komplexeren und vermeintlich uninteressanteren Botschaften unsere ZIELGRUPPEN ERREICHEN zu müssen. 

4. Authentizität, Unterhaltung und Emotionalisierung der Inhalte – das halte ich für eine kluge Strategie im Zeitalter von Fake News und Fake Content. Mehr denn je müssen Unternehmen und Kunden heute eine Haltung haben. Sprecht eure Klientel an, sagt ihr, welche Art der Verbesserung ihr zu ihrem Leben beizutragen gedenkt.
Bleiben wir bei der Wahrheit: REAL TRUTH STATT FAKE TRUTH.

5. KONSUMENTEN SIND HEUTE INFORMIERTER DENN JE, Produkt- und Unternehmenslügen haben keine Chance mehr – sie sind überprüf- und widerlegbar. Daher: Schaffe gute Produkte, hör auf zu tricksen, zu täuschen und Kunden zu verarschen. Dann kannst du auch ehrlich über deine Produkte kommunizieren.

6. Konsumenten erwarten von Marken, dass sie eine Haltung zu den gesellschaftlich relevanten Themen haben. EIN MARKENBILD ENTSTEHT NICHT DURCH WERBUNG UND MARKETING, sondern dadurch, wie sich eine Marke verhält: ihren Mitarbeitern und Kunden gegenüber, der Umwelt, der Gesellschaft, wie sie sich an jedem Ort für den Konsumenten anfühlt. Fehlverhalten in nicht marketingrelevanten Feldern kann zu Boykottaufrufen und Shitstorms führen. Marketing allein kann das nicht reparieren. Deshalb betrachten wir Markenkommunikation immer ganzheitlich – alle relevanten Kontakte einer Marke mit ihren Konsumenten werden in Betracht gezogen. Kommunikation auch Entertainment sein muss, ist eine Binsenweisheit. Aber manchmal ist es nachhaltiger und authentischer, wenn man sein wahres Anliegen klar und ehrlich zeigt, als sich als Unterhaltungsmaschine aufzuführen. Inhaltsleeres Entertainment bringt nämlich gar nichts. Im Gegenteil: Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

Bekämpfe die Unwahrheit mit der Wahrheit

 

Hans Langguth, 52, leitete als Politikstratege über 30 Wahlkämpfe. Der Geschäftsführer und Managing Director Zum goldenen Hirschen Berlin über 

Ehrlichkeit, Transparenz und Authentizität in der politischen Kommunikation

Hans Langguth, hat die derzeit in den USA stattfindende Schlacht zwischen Präsident Trump und Teilen der Presse auf die Branche der politischen Kommunikation in Deutschland abgestrahlt?
Ich hatte Befürchtungen, dass der überhitzte US-Wahlkampf auf die Bundestagswahl abfärben würde – aber das ist nicht eingetreten. Es hat keine massiven Hacker-Angriffe gegeben. Lügenkampagnen zur Demobilisierung breiter Wählerschichten, wie sie in den USA von Trump in Richtung Demokraten gefahren wurden, hatten wir auch nicht. Insofern kann ich nicht einstimmen in die Befürchtungen um Fake News und Alternative Fakten. Mit einer Ausnahme.

Und die ist?
Die AfD. Das Bewusstsein, auch das Selbstbewusstsein ihrer Aktivisten, Mitglieder und Mitläufer speist sich aus einem eigenen informellen Mikrokosmos, in dem vieles unwidersprochen kursiert, was nicht der Wahrheit entspricht. Wer sich in diese Lügenwelt hat hineinziehen lassen, kommt aus ihr schwer wieder heraus. Mit dem Einzug der AfD in den Bundestag verbindet sich aber auch eine Chance: Ihre Lügen und Halbwahrheiten kommen ans Tageslicht und man kann sich öffentlich mit ihnen auseinandersetzen.

Inwiefern haben sich die Anforderungen eines Kommunikationsberaters verändert?
Meinen ersten Wahlkampf habe ich 1999 in Kiel für die Grünen begleitet. Damals spielten soziale Medien noch keine Rolle. Damals war politische Kommunikation per E-Mail und SMS revolutionär. Doch heute wie damals geht es um das gleiche Handwerk: Es zählen saubere Recherche, faktenbasiertes Wissen, wahrheitsgemäße Kommunikation, überzeugende Argumentation.
DIE EINZIGE EINFLUSSGRÖSSE, DIE SICH FÜR ALLE KOMMUNIKATOREN DER WELT VERÄNDERT HAT, IST DIE BESCHLEUNIGUNG DES INFORMATIONSFLUSSES UND DAMIT AUCH DIE MENGE VON GERÜCHTEN UND LÜGEN.

Wie können Sie Strategien an die beschleunigten Verhältnisse anpassen?
Da hat sich an unseren journalistischen Instrumenten, die wir für unsere Kunden einsetzen, kaum etwas verändert. Heute wie damals gilt: Kursiert eine Lüge, eine Halbwahrheit, ein Gerücht – recherchiere sauber, bekämpfe die Unwahrheit mit der Wahrheit, und zwar schnell, bevor sie Beine bekommt. „Rapid Response“ – dieses Prinzip wirkt heute genauso wie noch zu Zeiten der Bonner Republik.

Damals markierten die ARD-Tagesthemen das Ende des Medientages ...
... inzwischen hat der Medientag 24 Stunden. Bei Twitter und Facebook gibt es keine Sendepause: Ein Shitstorm kann sich auch früh um vier Uhr ankündigen. Die Prinzipien unserer Arbeit sind dennoch gleich geblieben. Es geht um Vertraulichkeit, Gewissenhaftigkeit, Ehrlichkeit, Authentizität und Transparenz – diese geradezu ethischen Grundwerte waren und sind die Basis unserer Zusammenarbeit mit den politischen Institutionen in Berlin.

Dort draußen wird die Schlacht um die Wahrheit geschlagen und Sie sagen, an Ihrem Handwerk hat sich nichts geändert. Warum?
Wir kommunizieren im Kundenauftrag komplexe politische Sachverhalte auf möglichst verständliche Weise, das ist unser Job. Dabei geht es gestern wie heute um Fakten und Relevanz. Wir bleiben bei der Wahrheit, wir vermeiden Falschmeldungen mit aller Kraft, und wir bleiben unserem Ethos treu. Darum ging’s früher, darum geht es heute, darum wird es in Zukunft gehen.

Und was ist Ihr Trick, um die Lügen Ihres Gegenübers zu durchschauen?
ICH ACHTE AUF DIE AUGEN. SIE VERRATEN EINEM ALLES.

Trag Verantwortung. Zeig Haltung.

Lucie Green, 36, World Director von JWT in New York City, das Teil des weltweiten Hirschen-Netzwerks ist, spricht über 

das notwendige Ringen von Marken und Unternehmen um Glaubwürdigkeit und Echtheit 

Lucie Green, strahlt die Schlacht um Wahrheiten, die in der politischen US-Öffentlichkeit stattfindet, auch auf dortige Agenturen und Unternehmen ab?
Ja. Es hat sich in der überhitzten Atmosphäre ein harter Ton in der Gesellschaft etabliert. Es gibt inzwischen eine wachsende Zahl von Verbrauchern, die Markenaussagen in die Nähe von Fake News rücken. KOMMENTARE VON KONSUMENTEN FALLEN NEGATIVER AUS ALS IN DER VERGANGENHEIT.

Der Verbraucher hat sich verändert, er prüft heute Auftritt, Aussage und Haltung einer Marke sehr genau.
Ja. Keurig, Mondelez, Lidl, Mars, GSK, Pepsi, Walmart, Johnson & Johnson und die Autovermietung Enterprise etwa mussten 2015 in Werbebotschaften von Plattformen wie Youtube und TV-Kanälen wie Fox auf Druck von Verbrauchern abziehen. Andere Unternehmen, die mit extremistischen Positionen geworben haben oder gar mit Motiven, auf denen Kinder sexualisiert wurden, mussten ebenfalls ihre Motive zurückziehen.

Was bedeutet die Veränderung von Verbraucherbewusstsein für die Kommunikation von Marken und Unternehmen?
Mehr denn je müssen Unternehmen transparent sein, eine Haltung haben und vor allem: ihr Handeln klug kommunizieren. Es gibt immer mehr Marken, die sich in sozialen und politischen Debatten positionieren, was mit den Erwartungen von Kunden kollidieren kann. Das erfordert eine kluge Vorbereitung im Vorwege und einen besonnenen Umgang im Krisenfall.

2016 hat JWT eine Studie mit dem Titel „The Political Consumer“ in Auftrag gegeben. Was waren die Ergebnisse der Studie?
Wir haben herausgefunden, dass die Mehrheit der Amerikaner Unterstützer von Marken sind, die sich nicht davor scheuen, eine Haltung zu haben und sie auch zu kommunizieren: 78 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass Marken gesellschaftliche Verantwortung übernehmen sollten.

88 PROZENT DER BEFRAGTEN GLAUBTEN SOGAR, DASS MARKEN DIE KRAFT HABEN, GESELLSCHAFT ZU VERÄNDERN.

Welche Strategien helfen, um Lügen und Aggressionen in Plattformen zurückzudrängen, in denen sich Markenartikler und Unternehmen präsentieren? Um glaubwürdig zu sein, müssen Marken authentisch sein, sie sollten für echte Inhalte stehen und gegebenenfalls auch politische Positionen klug vermitteln. Eine Haltung einzunehmen, bedeutet sich an seriösen Initiativen zu beteiligen, gleichzeitig aber auch eine bis dahin womöglich treue Gefolgschaft verlieren oder gegen sich aufbringen. Darüber muss man sich im Klaren sein. Um Lügner und Aggressoren zurückzudrängen, dafür gibt es noch keine bahnbrechenden Lösungen. CNN geht aber beispielhaft voran: Mit der Kampagne „Facts First“ hat der Nachrichtensender einen starken Anfang gemacht.

„Wir sind mit Spaß bei der Arbeit und Ernst bei der Sache.“